vom alpinen wandern und seiner positiven Wirkung auf Körper, Geist und Seele

26. Juli 2021

Erlebnis Berge

Wandern ist grundsätzlich gesund, egal wo man es praktiziert. Ob im Flachland, auf einer Insel, im Moor, am Berg, Hauptsache man kommt dabei in Bewegung. Was, wenn aber das Wandern in den Bergen eine gänzlich andere Dimension annimmt und es nicht nur mehr um die reine Bewegung in der Natur geht, sondern um etwas, das viel größer, herrlicher und unbeschreiblicher ist als das simple Gehen auf ausgetretenen Wald- und Wiesenpfaden.

 

Wenn der Berg ruft, dann ist genau diese Aufforderung für ganz viele passionierte Alpinisten und Hoppykletterer eine Berufung, derer sie sich nicht entziehen können. Aber warum ist das so? Und wie kann es sein, dass die Alpen seit Menschengedenken eine unbeschreiblich große Faszination auf Naturliebhaber, Abenteurer und Freigeister ausüben?

 

Reinhold Messner, der als weltbekanntester Bergsteiger alle 14 Achttausender dieser Erde bezwungen hat, beschreibt den Alpinismus und den damit verbundenen Drang nach Bergbegehungen, Gipfelbesteigungen und schwindelerregenden Gratwanderungen als Mittel zum puren Selbstzweck.

 

mystischer alpiner Zauber am Eiger

massives Felsgestein am Eiger

Schnee und Eis am Eiger

Selbstzweck? Das klingt im ersten Moment wenig verklärend und mystifizierend, sondern vielmehr nach einer platten therapeutischen Maßnahme, die man sich im Berg antut, um Körper, Geist und Seele dauerhaft in Schwung zu halten.

 

Der Berg dient demnach nicht ausschließlich als ideale Spielburg zum Austoben, an dem man seine Kräfte messen, seine Wettbewerbsfähigkeit erproben und sich nach erfolgreicher Gipfelbesteigung an seinen granitharten Flanken mit Ruhm bekleckern darf.

 

Der Ruhm des Erfolges ist also nicht die Eier legende Wollmilchsau, der Gipfel nicht zwingend der heilige Gral jedes Alpinisten, das Ziel nicht das Ziel, vielleicht auch nicht um jeden Preis.

 

Was sind dann aber die geernteten Lorbeeren?  Was treibt Menschen in die Alpen? Was treibt sie um, macht sie zuweilen leichtsinnig, unvorsichtig und so extrem risikobereit, dass sie dem Ruf der Berge wie unter einem suchtähnlichen Zwang immer wieder aufs Neue Folge leisten?

 

Grindelwald in der Schweiz

Blick auf den eisblauen Gletscher am Eiger

...von glücklichen Schweizer Kühen

Im Berg, so erlebe ich es selbst immer und immer wieder, werde ich nicht nur eins mit der Natur, sondern auch mit mir selbst. Nirgendwo anders komme ich meinen Ängsten, meinen Sehnsüchten, meinen Träumen, meiner Neugier, meinem Abenteuerdrang, meiner Lust nach Freiheit, meinem Mut und meiner Risikobereitschaft zu leben so nah wie eben im Gebirge.

 

Es ist wie unter einem Vergrößerungsglas: Die Lupe verschärft die eigene Persönlichkeit, konturiert genau das, was wirklich in einem steckt und auch jenes, was man endlich nach außen kehren will und auch kann. Und die Konfrontation mit dem Berg ist dabei der Spiegel, der einem vorgehalten wird und in dem man sich endlich erkennt, mit all seinen Stärken, Schwächen, Unzulänglichkeiten und Defiziten.

 

So erlebe ich mich auf Wanderungen in den unterschiedlichsten Situationen meistens souverän und überlegt. Gehe ich auch Risiken ein? Sicherlich. Aber nur, wenn sie kalkulierbar sind. Echte Gefahren sind nicht meins, das habe ich schon längst für mich rausgefunden.

 

Probiere ich neues, unbekanntes Terrain? Wage ich mich alleine auf Pfade, dich ich zuvor noch nie ausprobiert habe? Ja, unbedingt. Ich besteige sogar einen Gipfel im Alleingang, weil ich weiß, dass ich mir genau diesen Gipfel zutrauen kann.

 

klare Bergseen, unberührte Natur in der Schweiz

der schneebedeckte Gletscher des Eiger

Faszinosum Gletscherwelt

Selbstüberschätzung kenne ich nicht. Ich bin eher realistisch, grob planerisch unterwegs und viel zu gerne spontan. Nur auf das Wetter gebe ich acht, auf jeden plötzlich aufkommenden Wind, auf das Verstummen der Vögel. Denn all das können eindeutige Zeichen für ein herannahendes Unwetter sein.

 

Im Flow der Natur mit ihr zu einer Einheit verbunden, erlebe ich mich so befreit, ungezwungen und fern aller Konventionen, Reglements und Zwänge.

 

Das befreit nicht nur den Geist, es verleiht der Seele Flügel und verschafft dem Körper eine Leichtigkeit, mit der sich ein starkes Rückgrat aufbauen lässt, sowohl physisch als auch psychisch.

 

Wandern im Gebirge ist eine stoische Haltung, eine unbeugsame Haltung, die alle Ecken und Kanten in einem aufblitzen lässt, voller Stolz und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein.

 

Bergidyll in der Schweiz

alpines Wandern in der Schweiz

imposante Felsformationen  Eiger Nordwand

auf schmalen Gebirgspfaden im Schweizer Land

saftige Almwiesen mit Blick auf den Eiger

Wen verwundert es da noch, dass der Alpinismus in einer absoluten Sucht ausarten kann. Je häufiger ich in den Alpen unterwegs bin, je mehr ich dort wandere und meine körperliche Agilität trainiere, desto fitter werde ich nicht nur im Kopf, sondern auch meine Resilienz wächst zu ungeahnter Kraft heran.

 

Wer kann mich jetzt noch stoppen. Ich kann alles, traue mir alles zu und weiß meine Hindernisse zu sprengen. Die Grenzen, meine inneren Grenzen haben sich verschoben und im Laufe meiner Bergbegehung in Wohlgefallen aufgelöst.

 

So einfach, so simpel und so beglückend kann das Wandern in den Bergen sein, denn es polt den Geist auf positives Wachstum, erweitert seinen Horizont und lässt uns das Leben am eigenen Leib spüren. Das Herz pumpt, der Atem geht lauter als sonst, die Schritte knirschen auf dem Geröll, der Geist ist hellwach und aufmerksam. Alle Sinne sind geschärft.

 

Im Alltag erleben wir uns selten so frisch, agil, hoch konzentriert und so ganz bei der Sache, mit Leib und Seele der einen Sache verschrieben und längst nicht so lebendig, nicht so wach, leidenschaftlich und hoch motiviert.

 

Was uns fehlt! Der richtige Impulsgeber! Die Umarmung der wilden, rauen, schroffen Gebirgswelt.

 

lauschiges Grindelwald

Schweizer Panoramabahn

Talblick

Alpenglühen in der Schweiz

Das fehlt tatsächlich. Nicht jedem, aber mir! Und es fehlt mir, weil die körperliche und mentale Herausforderung ein wichtiger Teil meines persönlichen Wachstums ist.

 

Ich brauche den Berg, die Steigung, das Geröll, den Widerstand, die Anstrengung, den Umweg, das Verlaufen und das Glück am Ende oben auf dem Gipfel angekommen zu sein, erschöpft, ausgelaugt, aber höchst zufrieden und glücklich, weil es mich als Individuum über mich hinauswachsen lässt - und das jedes Mal aufs Neue, immer und immer wieder.

 

Mit jeder neuen alpinen Erfahrung, mit jedem Schritt, der mich weiterführt auf meinem Weg nach oben.

 

"Bis ans Ende der Welt", so weit ist Reinhold Messner bereits gekommen. Und damit meint er nicht die Weltumrundung, sondern die höchsten Gipfel unseres Planeten, die unsere Erde nach oben in der Vertikalen begrenzen.

 

Das Limit sozusagen, denn danach kommt nur noch der Himmel, dann lange gar nichts und irgendwann der liebe Herrgott.

 

Wenn alpines Glück und Glück überhaupt bis ans Ende der Welt reicht, dann will ich dort unbedingt hin. Die Achttausender muss ich dabei nicht beschreiten.

 

Nur oben ankommen, auf einem Gipfel, den ich mir zutraue und dann über die unzähligen anderen Gipfel den Sonnenuntergang am fernen Horizont beobachten und wissen, dass ich es unten vom Tal aus eigener Kraft mit all meinem Willen bis auf die höchste Erhebung des Berges geschafft habe, das ist der glücklichste Zustand, den ich erreichen kann und den ich so oft es nur geht reproduzieren möchte.

 

Vom alpinen Glück kann ich jedenfalls nie genug kriegen. Gott weiß, warum!


Lebenskraft von Ulrike Kostler und Bis ans Ende der Welt von Reinhold Messner

"Wie uns die Alpen gesund, glücklich und jung halten", davon schreibt Ulrike Köster in ihrem Buch Lebenskraft. Selbst in der Stadt aufgewachsen, zog es die Österreicherin irgendwann aufs Land, dorthin, wo sich Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen und die Berge in Sichtweite zu vergnüglichen Wandertouren einladen.

 

Vom gesunden Lebensstil, einer kräuterlastigen, alpinen Küche, über die Macht der Ruhe, der Regeneration und der Bewegung erzählt uns Frau Köster, wie wir in den Bergen ein Leben führen können, das uns wie den Bewohnern der "Blauen Zone" ein langes, glückliches und agiles Leben beschert.

 

"Bis ans Ende der Welt", so der Titel des Reinhold-Messner-Klassikers, der über den Alpinismus, das Leben im Berg, seine Gefahren, Herausforderungen und Leidenschaften erzählt. Dabei lässt uns Messner an seinen Gedanken teilhaben, in denen der klassische Alpinismus der Zukunft ebenso kritisch durchleutet wird wie der kommerzialisierte Bergtourismus.

 

Warum die Leidenschaft, 14 Achttausender zu besteigen, mehr dem Selbstzweck dient als dem Wunsch nach Ruhm und Erfolg wird deutlich, wenn man Messners ideologischem Ansatz verfolgt, der gerade auf Umwegen zum Ziel führt, nicht auf Schnelligkeit und Wettbewerb gemünzt ist, sondern die Natur mit Respekt und Ehrfurcht würdigt.

 

Ein spannendes Buch für alle Grenzgänger, die sich in die Alpen verliebt haben.


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