Der Kollaps der Jahreszeiten, Krisenblues und das gute am Umbruch.

17. November 2021

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Nicole Hacke / Wanderverliebt

Seit Anfang des Jahres 2020 ist nichts mehr planbar. Unsere Welt hat sich verändert durch ein mikroskopisch kleines Virus, das wir mit bloßem Auge noch nicht einmal erkennen können. Es ist unsichtbar, nicht greifbar und irgendwie auch unangreifbar, scheinbar.

 

Denn Impfstoffe gibt es mittlerweile genug und reichlich Auswahl, um sich die Astra Zenecas oder Biontechs der Pharmaindustrie einmal, zweimal und sogar ein drittes Mal verabreichen zu lassen.

 

Beim dritten Mal ist man dann geboostet mit einer hoch konzentrierten Dosis des Impfstoffes und kann nur hoffen, dass Immunität gegen den krankmachenden Erreger endlich die Oberhand erlangt.

 

Während die Gesellschaft dabei immer noch in gleichgültig lethargischer Gelassenheit dem unübersichtlichen Geschehen, den kurzweiligen, oftmals paradoxen Entscheidungen und dem daraus resultierenden chaotisch-willkürlich wirkenden Regelwerk machtlos gegenübersteht, sommerliche Freiheit im nasskalten Herbst zu einem Würfelspiel der 3gs und 2gs mit oder ohne Plus geworden ist, frage ich mich, was das alles soll und wohin es führen wird.

 

Vielleicht zu einer 1g-Regelung, die Geimpfte und Nicht-Geimpfte fortan exkludiert?

 

 ©Nicole Hacke / Japanischer Garten Planten & Bloomen Hamburg

Planbar ist wie gesagt gar nichts mehr, zumindest nicht mehr auf lange Sicht. Planen kann ich mein Leben scheinbar nur noch im Heute und vielleicht noch im Morgen.

 

Aber was ist mit Übermorgen und all den darauffolgenden Tagen, die sich wie glanzvoll schimmernde Perlen auf der Schnur des Lebens hintereinander aufreihen könnten?

 

Was passiert mit all den wunderschönen Perlen, die nur auf ihre Bestimmung warten, endlich auf den roten Faden des Lebens aufgezogen zu werden?

 

Aktuell sieht es nicht danach aus, dass die Perlenkette auf absehbare Zeit ein komplettes, vollständiges und reizvolles Ganzes ergeben wird. Sie bleibt auf unbestimmte Zeit ein "Improvisorium", eine unfertige, imperfekte Kreation, die man sich um den Hals hängen oder es gleich lassen kann.

 

Nur wäre das überhaupt eine Alternative, die Kette unfertig in die hinterletzte Schublade, vielleicht sogar auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen und sich dem schwachen, aber dennoch wirkungsvollen Glanz der wenigen, aber vorhandenen Perlen vollständig zu entsagen?

 

©Nicole Hacke / Wanderverliebt

Überhaupt keinen Glanz in sein Leben zu lassen, wenn es tatsächlich einen kleinen Funkenschimmer gibt, der von den wenigen Perlen auf die Schattenseite des eigenen Daseins abstrahlt. Macht das Sinn?

 

Diese wirre, chaotische, zerrissene, zermürbende, demotivierend unsägliche Zeit, die jedem Einzelnen von uns eine gehörige Portion sozialgesellschaftlicher Askese abverlangt, verlangt mitlerweile einfach zu viel.

 

Die Freizeitgestaltung, das öffentliche Leben, die kulturellen liebgewonnenen Errungenschaften eines Konzertbesuchs beispielsweise, die integraler Bestandteil manch eines sozial aktiven Lebens waren und es immer noch gerne wären, sind so volatil und unzuverlässig integrier- und umsetzbar, dass der Wunsch nach den höchst individuellen Bedürfnissen zu einem lauten Schrei nach verträglichen, nachvollziehbaren und langfristig gangbaren Lösungen wird.

 

Der Sinn verliert sich in allem, was nicht mehr ist und eigentlich wieder gerne sein möchte, nämlich normaler Alltag im nostalgischen Kontext - praktikabel und zukunftsweisend wohlgemerkt.

 

Aber halt! Stop! Was wir gerade erleben, das, was wir seit den Anfängen der Corona-Pandemie erleben, ist ja das Leben selbst mit so gut wie all seinen Facetten.

 

Es ist genau das Leben, das uns mit den höchsten Höhen und tiefsten Tiefen umfängt und selten die Tragödien, Katastrophen und Schicksalsschläge außen vor lässt. Oder haben wir geglaubt, wir lebten seit jeher im Schlaraffenland?

 

©Nicole Hacke / Wanderverliebt

Abgestumpft in Routinen von einem hamsterradintensiven Alltag vereinnahmt, haben wir das vielleicht vor Corona nie gemerkt und so manch großen Bissen Freiheit als selbstverständlich angesehen.

 

Genauso wenig, wie wir uns mit dem Wechsel der Jahreszeiten jemals eingehender und reflektierter beschäftigt haben. Schließlich kommt die eine, nachdem die andere sich verabschiedet hat im fliegenden Wechsel daher.

 

Hauptsache, der Sommer wird gut und die Sonne scheint so zuverlässig wie die Temperaturen voraussehbar, beständig und vor allem warm bleiben.

 

Mehr hatten wir nie zu beklagen oder jemals zu hinterfragen. Mehr hatten wir jedenfalls nie wirklich auszustehen, als die banalen Fragen des Lebens zu kultivieren, als wären sie eine Zuchtrose, die man bloß anständig hegen und pflegen muss, damit sie prächtig auf immer und ewig weiter blühen kann.

 

Doch die Jahreszeiten sind weitaus mehr als sommerlich heiterer Sonnenschein, knallbunte Frühlingsblumen und herbst-winterliche Zauberwelten.

 

©Nicole Hacke / Japanischer Garten Planten & Bloomen Hamburg

©Nicole Hacke / Wanderverliebt

Die Jahreszeiten sind der Inbegriff eines Kreislaufsystems, das auf Leben und Tod nebeneinander koexistiert. Stirbt die eine Jahreszeit, lebt die nächste auf. Blumen verwelken, Blätter segeln tot gen Erde – und der Winter lässt alles noch Lebende zu Eis erfrieren.

 

Ist das nicht eine Gnadenlosigkeit, eine Brutalität sondergleichen?

 

Doch scheinbar gefällt uns genau diese Sonderbarkeit der Natur. Wir fühlen uns wohl in der Stille einer schneebedeckten Landschaft. Wir lieben die herbstlich eingefärbten, kunterbunten Laubblätter, die schon längst tot sind.

 

Aber eine Krise können wir nicht ertragen, weil sie nicht so verklärt und romantisch in Szene gesetzt daherkommt, wie es die Jahreszeiten nun mal tun, sondern gleich mit schwingender Keule zum realitätsnahen Schlag ausholt und zwar erbarmungslos kräftig.

 

Kollabieren die einzelnen Jahreszeiten, fällt der Frühling in sich zusammen wie ein altersschwaches Kartenhaus, dann bejubeln wir die Einkehr des Sommers und vergessen den Frühling bis zur nächsten "Legislaturperiode". Denn schließlich kommt er ja wieder, so wie jedes Jahr - vor Frische und neugeborener Lebendigkeit nur so strotzend.

 

Es sind just eben genau diese Höhen und Tiefen der Natur, die wir Menschen ähnlich, nur in wenig verklärten Fakten durchleben, die wir aber ebenso brauchen, damit daraus ein Umbruch hervorgeht, der etwas grundsätzlich Neues hervorbringen kann.

 

©Nicole Hacke / Wanderverliebt

Was wäre denn ansonsten der Sommer ohne den Winter?

 

Wo läge der Reiz in der einen Jahreszeit, gäbe es die andere nicht?

 

Nicht eine einzige Jahreszeit, nicht zich Umbrüche, nicht die katastrophalen Krisen dieser Welt könnten wir je überstehen, wenn wir das andere Extrem nicht zu schätzen wüssten, ja, wenn wir die Extreme gar nicht hätten.

 

Wir können mit Lebenskrisen, Wirtschaftskrisen und Gesellschaftskrisen nur dann besser umgehen, wenn wir verstehen, dass sie genauso Teil eines natürlichen Kreislaufs sind, vergänglich, von Auf- und Abschwüngen geplagt, aber Teil eines Kreislaufsystems, so wie es in der Natur der Fall ist.

 

Auch wenn die Pandemie für meinen Geschmack schon viel zu lange dauert, sich viel zu zähflüssig wie ein ausleierndes Kaugummi in unerträgliche Länge zieht, finde ich in genau dieser kreislaufangetriebenen Natur meine Konstante, meinen absoluten Gegenpol zu der angstbesetzten gesellschaftlichen Krise.

 

Denn was mir die Natur mit ihrem permanenten Wandel bietet, ist zwar genauso wenig sicher und beständig wie die aktuell akute Ungewissheit des Lebens, lässt mir aber Raum zum Durchatmen und zum Frei sein.

 

©Nicole Hacke / Wanderverliebt

So frei wie ich sein will und sein kann, genauso viel Raum gibt mir die Natur zum Leben, Erleben und Sein.

 

Denn mit ihrem endlosen Raum, der so ausufernd weit in den Horizont und den Himmel hineinragt, erlebe ich mich selbst als Teil dieser fantastischen Unendlichkeit, in der sich alle Probleme, Sorgen und Ängste in Wohlgefallen auflösen, meine Wenigkeit inbegriffen.

 

Und plötzlich stelle ich fest, dass im Ursprung der Natur alles wieder einen Sinn ergibt, sich die vielen Perlen auf dem roten Faden meines Lebens endlich aneinanderreihen, logisch zusammensetzen und die unfertige Kette komplettieren, die nun in neuem Glanz ganz besonders hell und zuversichtlich, vielleicht sogar visionär in die Zukunft strahlt.

 

Es braucht oftmals nicht viel, um sich aus der Enge des sozialgesellschaftlichen Alltags zu lösen und seine Probleme distanziert und aus einer neutraleren Perspektive zu betrachten.

 

Eigentlich braucht es nur das Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten der Natur, um alle potenziellen Krisen des Lebens zu verstehen und zu bewältigen.

 

Insofern ist mein Rettungsanker ganz klar die Natur. Sie ist mein Element, in dem ich schwimme und überlebe, wenn anderswo Land unter ist.


In welchem Element schwimmt ihr wie der Fisch im Wasser? Was schenkt euch Geborgenheit, Mut und Zuversicht, persönliche und kollektive Krisen zu bewältigen? Ich freue mich auf einen Austausch mit euch.

 

Eure

 


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