heideromantik auf sandigen pfaden

03. APRIL 2020

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Nicole Hacke / Wanderweg von Niederhaverbeck Richtung Wilseder Berg - 4,5 km

Die ersten Knospen schießen bereits aus den noch winterlich kahlen Verästelungen der Baumkronen und lassen prächtige Blütenopulenz hervor blitzen, während die frischgrünen Wiesen bereits von einem Farbenmeer aus Krokussen und Narzissen überzogen sind. Eine strahlende Sonne kitzelt meine Nase und wärmt meine Winterblasse Haut.


Es ist ein Tag, wie er im Bilderbuch steht. Frühling liegt in der Luft und der Duft, der mir aus dem nahegelegenen Wald entgegenweht, riecht nach frischen Wiesen, Heidekraut, Tannennadeln, ledriger Baumrinde und sandigem Boden. Es sind die ersten Frühlingsboten, die mir meine Sinne vernebeln und mich auf verführerische Weise in die unendlichen Weiten der Lüneburger Heide locken.


Bereits auf dem Weg von Hamburg in Richtung Niederhaverbeck verflüchtigen sich meine trüben, grüblerischen Gedanken. Die A7 ist wie leer gefegt und der Elbtunnel scheint zum ersten Mal in der Autobahngeschichte wie ausgestorben zu sein. Dieser Tage reisen die Menschen nicht viel, noch nicht einmal mehr in die nähere Umgebung.
Doch die geisterhafte Stille stört mich nicht. Ich genieße die Ruhe, den Stillstand, der in der ansonsten aufgeregten, geschäftigen Gesellschaft alles zum Erliegen gebracht hat und erlebe mich selbst auf meine Sinne reduziert, förmlich in mir ruhen.

 

©Nicole Hacke / Wanderung Richtung Wilseder Berg, Wilsede und Totengrund

Vom großen Parkplatz in Niederhaverbeck startet meine ausgedehnte Heidetour, die mich über den 169 m gelegenen Wilseder Berg nach Wilsede, zum Totengrund, mit einem Abstecher in den Steingrund und zurück nach Niederhaverbeck führt. Knapp 16 Kilometer werde ich heute unterwegs sein.

 

Auf meiner ersten Etappe durch lichte Laub- und Tannenwälder, vorbei an weitläufigen Pferdekoppeln, gelange ich nach weniger als 15 Minuten an den Rand des Waldsaums. Der Weg öffnet sich und verläuft auf schmalen, sandigen Pfaden immer tiefer in die typische Landschaft der Lüneburger Heide hinein. An einem lauschigen Weiher, auf dessen Wasseroberfläche sich das warmglänzende Sonnenlicht spiegelt, halte ich für einen kurzen Moment inne und genieße die einmaligen Ausblicke auf Wachholderformationen und unendliche weite Heideflächen.

 

In der Ferne höre ich eine Herde Heidschnucken blöken und folge neugierig dem Geräusch, das immer lauter und eindringlicher wird. An der nächste Abzweigung erblicke ich einen reetgedeckten Hof in der Einsamkeit der Natur, der mutmaßlich die Heidschnucken beherbergt. Vorsichtig nähere ich mich dem Grundstück und erkenne schon aus weiter Ferne die schwarz-Graufarbenen zotteltierchen, die charakteristisch für die Region, das Landschaftsbild der Lüneburgerheide wie keine anderen Säugetiere prägen.

 

©Nicole Hacke / Heidschnuckenherde in der Nähe von Niederhaverbeck

©Nicole Hacke / afrikanische Ziege

©Nicole Hacke / die besondere Mufflonart, die Heidschnucke

Inmitten der Heidschnucken Herde, die auf einer eingezäunten Weide grast, tollen die pechschwarzen Jungtiere zwischen Muttertieren und Ziegenböcken umher. Ich bin so fasziniert, dass ich noch ein Stück näher an die Umzäunung herantrete, um mir das Schauspiel aus der Nähe anzuschauen. Heidschnucken habe ich bisher nur vom Weiten beobachten können.

 

Heute jedoch stehe ich unmittelbar vor den handzahmen Landschaftspflegern und Strecke vorsichtig meine Hand zum Streicheln aus, nur um von einem der aufgeweckten Ziegenböcke kurz und schmerzlos in die Handinnenfläche gekniffen zu werden.

 

©Nicole Hacke

Der Beschützerinstinkt der frechen Artgenossen signalisiert mir, dass ich hier unerwünscht bin. So ziehe ich denn meines Weges weiter und setzte meine knapp fünf Kilometer lange Wanderung zum Wilseder Berg fort.


Das Landschaftsbild wird nun immer wildromantischer. Über Stock und Stein, auf sandig weichem Untergrund, windet sich der schmale Pfad entlang üppiger Heidesträucher und Wacholderbeerenbüsche auf aussichtsreiche Höhen und hinab in verwunschene Talsenken. Es ist ein auf und ab mit leichten Anstiegen. Kaum das ich mich versehe, bin ich auch beinahe schon am höchstgelegenen Punkt des Wilseder Bergs vorbei gelaufen.


Herausfordernde „Gipfelbesteigungen“ gewohnt, merke ich gar nicht, dass ich bereits auf der höchsten Erhebung der Lüneburger Heide stehe. Auf einen kleinen Felsbrocken kletternd, erlebe ich ein sagenhaftes Gipfelgefühl auf gerade mal 169 m. Doch die Aussicht ist spektakulär. Der fantastische Blick auf 230 qkm einzigartige Vegetation und traumhafte Heideflächen, die im August rosafarben erblühen, machen locker wett, was die moderate Höhenlage zu wünschen übrig lässt.

 

©Nicole Hacke /  höchste Erhebung der Heide - Wilseder Berg auf 169 m

 

Der Wilseder Berg kann aufgrund seiner geschützten Lage inmitten des einmaligen Naturschutzggebiets Lüneburger Heide, nicht mit dem PKW angefahren werden.

 

Ausgangspunkte für eine Wanderung sind daher folgende Ortschaften: Niederhaverbeck, Overhaverbeck, Döhle, Volkwardingen und Undeloh.

 

Wer mit der Deutschen Bahn anreist, steigt am Bahnhof Wintermoor bei Schneverdingen aus. Von dort aus gelangt Janin 8,8 km zu Fuß bis zum Wilseder Berg. Aus Richtung Hannover fährt der Zug in eins durch, ab Hamburg muss man einmal in Buchholz umsteigen.


Strecke: Niederhaverbeck - Wilseder Berg
Länge: 4,5 km
Dauer: 60 Minuten - 1,5 Stunden
Höhenmeter: 169 m

 


Der Abstieg vom Wilseder Berg in das verschlafene Heidedorf Wilsede

©Nicole Hacke / Lüneburger Heide in der Nähe von Niederhaverbeck

©Nicole Hacke /  typische Heidelandschaft

 

Nachdem ich die wunderbare Weite der Landschaft förmlich in mich aufgesogen und mich daran sattgesehen habe, beschließe ich dem nahe gelegenen Heidedorf Wilsede noch einen Besuch abzustatten. 1,1 km entfernt und in etwa 20 Minuten zu erreichen, marschiere ich immer talabwärts durch noch mehr zauberhafte Heideflächen immer geradewegs auf mein Ziel zu.


In Wilsede erwartet mich Idylle pur. Ein Heidedorf, dass verschlafen der Sonne entgegenblinzelt und nur im der Hochsaison aus seinem Dornröschenschlaf erwacht, lächelt mich bei meiner Ankunft verträumt und etwas verklärt an. Hier gibt es keine 180 PS und wenn, dann jeweils immer nur 2 Pferdestärken, die neugierige Besucher im Schlepptau hinter sich herkutschieren.


Das zeitentrückte Hufgeklapper lässt Wilsede, wie aus einer anderen, fernen, vergangenen Welt, erscheinen. Mit einem Heidemuseum (Dat ole Hus) und seiner Milchhalle, die besonders gute Buchweizenspezialitäten anbietet, ist Wilsede ein Dorfparadies für enervierte, Erholungsuchende Städter.

 

©Nicole Hacke / im Heidedorf Wilsede

©Nicole Hacke / im Heidedorf Wilsede

©Nicole Hacke / die ersten Frühlingsboten

©Nicole Hacke / Wanderung Richtung Wilseder Berg

©Nicole Hacke / Frühlingserwachen im Heidedorf Wilsede

Ein Abstecher zum Toten- und zum Steingrund

 

Ein kleiner Abstecher zum Totengrund steht jetzt noch an der Tagesordnung, denn die Sonne lacht, der Tag ist immer noch jung und mit gerade mal 1,1 km Entfernung lohnt dieser Ausflug zur Aussichtsplattform, von wo aus man auf einen mystischen Talkessel herabblickt, der mit einem kunterbunten Teppichflickwerk aus Heideblüten und Wachholderhainen überzogen ist.

 

Und tatsächlich: Der Ausblick ist atemberaubend, die Sicht reicht weit bis zum Horizont und das späte Licht der nachmittäglichen Sonne verleiht dem Talkessel, der für Wanderer nicht zugänglich ist, eine geheimnisvolle, magische Aura.


Dieser verzückende Ort, um den sich viele Erzählungen und Theorien ranken, soll laut Überlieferung in früherer Zeit für die Leichenzüge durch den Talkessel genutzt worden sein.


Anderen Theorien zufolge war der Totengrund schon immer ein nährstoffarmes Gebiet, auf dem, außer Heide und Wacholder, nichts anderes gedeihen konnte. Weder Vieh- noch Feldwirtschaft konnten daher auf diesem wenig fruchtbaren, kargen und trockenen Boden betrieben werden.

 

©Nicole Hacke / panoramareiche Aussicht in den Talkessel des Totengrundes

 

Und so tot wie der Totengrund, ist auch keine Seele weit und breit anzutreffen- nur das Rauschen des Windes, die Unberührtheit der Landschaft und ein einzelnes Menschenkind, dass langsam aber sicher mit dem Rythmus der Natur verschmilzt.


Ich bin so ruhig, wie schon lange nicht mehr. Jeglichen Sinn für Zeit verloren, erhebe ich mich aus meiner beinahe schon meditativen Sitzpause und verlasse widerwillig den Totengrund.


Vor mir liegt eine weitere kleine Etappe, die mich zum Steingrund über Wilsede zurück nach Niederhaverbeck bringen wird.

 

Vom Totengrund über Wilsede zurück nach Niederhaverbeck

 

Weiter auf malerischen Höhenabschnitten verdichtet sich die lichtdurchflutete Heidelandschaft immer mehr und weicht einem buschigen, Urwald ähnlichen Landschaftsbild, dass von Wachholderbüschen nur so übersäht ist.

 

©Nicole Hacke / Blick auf den Steingrund

©Nicole Hacke / auf einer Anhöhe mit Blick auf den Steingrund

Immer schmaler wird der sandige Weg, auf dem ich wandele. Die ausufernden Heideflächen lasse ich für die nächste halbe Stunde weit hinter mir. Der Bestand an üppigem Strauchbewuchs ist beeindruckend. Wie in einem Labyrinth, biege ich mal um die eine, mal um die nächste Weggabelung, um durch dicht bewachsene Vegetation immer wieder auf aussichtsreiche Erhebungen zu gelangen. Von dort blicke ich auf den unter mir liegenden Steingrund, der wohl eine der unverwechselbarsten Landstriche in der Lüneburger Heide ist. Etwa 2 km laufe ich fasziniert in dieser Wildnis umher und gelange schließlich an eine Lichtung, von wo ein Wegweiser die folgenden 2 km bis Wilsede ankündigt.


Sicherlich könnte ich mich auch für die kürzere Variante in entgegengesetzter Richtung, die mich direkt nach Niederhaverbeck bringt, entscheiden. Doch ich entschließe mich dazu, meine Rundwanderung um ein paar Kilometer zu verlängern. Jetzt wo es sich richtig spannend und landschaftlich reizvoll wird, kann ich nicht damit aufhören, meine Wanderung jetzt schon zu beenden.

 

©Nicole Hacke / Wanderung durch den Steingrund

©Nicole Hacke / Rückweg nach Niederhaverbeck

Erst durch dichten, dunklen Tannenwald, dann an norddeutschen hochgewachsenen Pinien vorbei, atme ich das Menthol-haltige Aroma des Pinienharzes ein. Was für eine kaleidoskopische Vegetation, üppig, satt und besonders.


Die letzten verbleibenden 3 km läuft es sich allmählich wie von selbst. Obgleich müde und abgespannt, folgen meine mittlerweile gefühlstauben Füße dennoch meinem inneren Willen. Ich erlebe dieses einzigartige Outdoor-Abenteuer als körperliche Befreiung. Und auch mein Empfinden für die Schönheit der Heidelandschaft wird immer intensiver und ästhetischer.


Der letzte Abschnitt auf einem wildromantischen Pfad wird gesäumt von üppig wuchernden Heidesträuchern, aus denen langsam junge Triebe nachwachsen. Über verwurzelten Sandboden tragen mich meine Füße soweit es noch nötig ist.


Wenn die Heide doch erst wieder blühen würde, sinniere ich vor mich hin, dann wär die Welt endlich wieder rosarot. Nachdenklich erreiche ich nach mehr als fünf Stunden den Parkplatz in Niederhaverbeck und wünsche mir wirklich von ganzem Herzen, dass nicht nur die Heide diesen Sommer farbintensiv erblüht, sondern dass auch unser aller Leben wieder eine echte, vitale Blütezeit erlebt.