aus fernweh wird heimatliebe

WARUM VERWURZELT SEIN SO WICHTIG IST

04. DEZEMBER 2020

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Nicole Hacke

Wir können das Corona-Virus verfluchen. Wir können es aber auch zum Anlass nehmen, unsere derzeitige Situation, in der wir scheinbar tief feststecken, einmal genauer zu analysieren und zu überdenken. Sicherlich sind wir weitestgehend in unseren Reiseaktivitäten eingeschränkt, denn Reisen ist momentan so gut wie unmöglich. Und genau deshalb nimmt uns der Lockdown auch ein ganz großes Stück Freiheit, das wir immer gerne für längere Urlaube, Ausflüge, Entdeckungstouren und Auszeiten an ferne Bilderbuchorte verplant hatten.

 

Doch jetzt herrscht dort, wo lange Zeit die Freiheit immer nur in Genuss, Dolce Vita und südländischem Flair schwelgte, eine gähnende Leere, die durch nichts so richtig gefüllt werden kann. Oder etwa doch?

 

Die letzten vier Wochen habe ich gezwungenermaßen an meinem Heimatort verbracht und mich gewundert, wie ruhig, entspannt und angekommen ich mich dort auf der Stelle fühlte. 

 

Als Jugendliche wollte ich nämlich immer nur eines: weit weg von der Spießigkeit und dem kleinbürgerlichen Mief, der den Ort meiner Kindheit klebrig süß überzog. Die große aufregende Welt war mein Ziel - der Traum meiner geheimen Sehnsüchte, die unentdeckte, unbekannte Konstante „Fernweh“, die nur darauf wartete, von mir gestillt zu werden.

 

©Nicole Hacke

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Grund genug, um direkt nach dem Abitur ein Jahr in England zu verbringen, das Land zu bereisen, seine Leute und die Mentalität besser kennenzulernen, nur um im darauffolgenden Jahr in Spanien erneut die Zelte für eine längere Weile aufzuschlagen.

 

Ich war rastlos, ruhelos und konnte erst dann meine Füße still halten, wenn ich in Bewegung war, wenn ich aufbrach, die Haustür hinter mir ins Schloss fallen ließ, den Reisekoffer klappernd hinter mir her zog und sich sodann das belebende Gefühl von Aufbruch in mir breitmachte. Meine Sucht nach Abenteuer, mein unstillbarer Drang, die Welt zu entdecken, trieben mich immer und immer wieder in die Fremde, denn für mich gab und gibt es nichts Kostbareres, das mich so dermaßen bereichert, als mich auf Reise und Wanderschaft zu begeben, um so meine unersättliche Neugier auf das von mir noch Unentdeckte zu stillen.

 

Doch dann kam Anfang des Jahres so plötzlich und unverhofft der Stillstand, der mich von jetzt auf gleich so abrupt in die Schranken meiner eigenen vier Wände wies, dass ich im ersten Moment gar nicht so genau wusste, wie mir geschah.

 

Dass ich jetzt nur noch aus dem Haus gehen konnte, um notwendige Einkäufe zu tätigen, um meine lebensnotwendigen Grundbedürfnisse zu befriedigen, wollte mir nicht in den Kopf gehen, hatte ich doch Pläne für neue Wanderprojekte und kulturelle Aktivitäten geschmiedet. Aber wie war das noch: „Wenn der Mensch denkt, lenkt am Ende immer noch Gott.“

 

©Nicole Hacke

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Tatsächlich sollten all meine Pläne durchkreuzt werden. Und als dann noch meine Mutter vor ein paar Wochen schwer erkrankte, die Treppe hinab stürzte und seitdem auf helfende Unterstützung in vielerlei Belange angewiesen war, eilte ich sofort herbei, um ihr die Last der alltäglichen Versorgung abzunehmen.

 

Ich fuhr zurück in meine Heimat und tat, was ich tun musste. 

 

Dort angekommen, überkamen mich sofort Erinnerungen an meine Kindheit, an die Zeit, von der ich glaubte, mich längst schon von ihr verabschiedet zu haben, die mich aber irgendwie wieder einzuholen schien, so als ob sie die Vergangenheit extra für mich konserviert hatte. Alles war so vertraut wie eh und je. Und dennoch war wohl ich es, die im ersten Moment fremdelte, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert hatte -  die im Rausch der schnelllebigen Zeit wie ein ICE an ihrer verloren gegangenen Identität vorbei gedonnert war.

 

Kaum dass ich überhaupt noch irgendjemanden kannte, wanderte ich in der Ortschaft umher und machte lange, ausgedehnte Spaziergänge in die nähere Umgebung. Dabei führte mein Weg mich an altbekannten Plätzen vorbei, die ich als Kind so sehr geliebt hatte und die mir sogleich lebendige Bilder der Unbekümmertheit, der grenzenlosen Freiheit und des übersprudelnden Frohsinns ins Gedächtnis riefen.

 

Und auf einmal überkam es mich ganz plötzlich wieder: dieses Gefühl von Geborgenheit, Dazugehörigkeit und Angekommensein.

 

©Nicole Hacke

Mir wurde plötzlich wieder klar, egal, wo auf der Welt ich bislang gewesen war, egal wie gut ich mich an fast allen Orten gefühlt hatte, etwas Entscheidendes hatte ich dabei in all den Jahren dennoch immer vermisst.

 

Das Gefühl von Heimat, die Gewissheit zu Hause anzukommen, den unverkennbaren Duft von Heimat aus tausend anderen Düften herausfiltern zu können, zu wissen, dass die Wurzeln, die ich an einem Ort schlage, mich tragen, mich aufrecht gehen lassen und mir den Halt geben, den ich in den schwierigsten Phasen des Lebens so dringend benötigeum nicht gleich beim erstbesten Windhauch sofort wieder aus meiner festen Verankerung gehoben zu werden.

 

Heimat bedeutet Wurzeln schlagen, Heimat bedeutet Halt finden! Halt in einer Zeit, die hochgradig volatil und unsicher ist.

 

Zum ersten Mal begriff ich, dass es nichts nützte, wahllos irgendwo zu stranden, nur weil ich dort meine Existenz begründet sah oder weil es mir einfach nur praktisch erschien, mein Dasein den Umständen des Lebens anzupassen. Relativ schnell dämmerte es mir, dass das Leben nicht zu irgendwelchen Umständen oder fremdbestimmten Faktoren, sondern vielmehr zum eigenen Entwurf und sogar annähernd zur eigenen Herkunft passen musste.

 

©Nicole Hacke

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Schließlich und endlich resümierte ich, dass man sich seine Heimat nicht einfach mal so eben neu definieren oder aussuchen konnte, wie die Reiseziele auf dem Globus, die man noch gerne bereisen wollte.

 

Tatsächlich wird man in seine Heimat unwiederbringlich hineingeboren, wächst in ihr auf, erlebt und erfühlt sie gezwungenermaßen Tag für Tag aufs Neue und ist dabei nicht immer nur mit ihr zufrieden. Irgendwann, wenn man die Nase von ihr voll hat, verlässt man sie sogar oftmals trotzig und gibt sie auf für ein vermeintlich besseres Leben anderswo - in der identitätsfernen Fremde!

 

Schleichend bemerkt man erst zu einem späteren Zeitpunkt, wenn man sie ein für alle Mal verloren hat, dass man ihre Vertrautheit vermisst, ihren gewohnten, unverwechselbaren Geruch, ihre Kraft, die einen aufrichten kann, auch wenn alle Stricke reißen und die Welt in sich schier zusammenbricht.

 

©Nicole Hacke

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Seit die letzten paar Wochen verstrichen sind und ich meine Heimat wieder für mich entdecken durfte, unvoreingenommen und völlig wertungsneutral, fühle ich mich befreiter und leichter denn je, obgleich die vielen Probleme des Alltags und der Welt sich überwerfen, sich nicht einfach so wegradieren lassen und mich letztendlich zu überrollen drohen.

Doch mit der Heimat als steter Begleiter, mit der Heimat als leiser, unaufdringlicher Weggefährte, trägt sich die erschwerende Last auf dem Rücken leichter, denn Heimat ist eine vertraute Konstante, eine unkaputtbare Währung, die stabil bleibt, auch wenn alles andere einem ständigen Wandel unterzogen ist.

 

In der rasend schnellen Zeit, die geradezu wie ein Derwisch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fegt, die mir nicht mal eine Pause zum Durchatmen gönnt, gibt mir mein vertrautes Umfeld Sicherheit, Ruhe und einen inneren Frieden, der sich im Herzen wie ein wärmendes Feuer ausbreitet.

 

Mir ist klar geworden, dass man seine Heimat niemals verleugnen sollte, da sie einen wie ein innerer Kompass zuverlässig den Weg aus den chaotischen Wirren weist.

 

Nur wer seine Heimat nicht verleugnet, kann ruhigen Gewissens in die Welt gehen, sie erobern, sich den Herausforderungen des Lebens stellen, Abenteuer erleben und schier unüberwindbare Hürden nehmen, ohne dabei jemals in den tosenden Stürmen der Fremde unterzugehen.

 

Denn Heimat ist ein Anker, den man wirft, um dorthin zurückkehren zu können, wo der unveränderte Kosmos einer gewohnten Ordnung folgt, wo mir unerschütterliche Vertrautheit Raum zum Atmen und die Freiheit gibt, meine Authentizität kompromisslos auszuleben.

 

Kurzum: Heimat ist der Anker für meine Seele!


Was bedeutet dir Heimat? Hast du eine Heimat oder bist du immer noch auf der Suche nach ihr? Viele Menschen leben im Ausland, weil sie dort ihren Lebensunterhalt verdienen, nicht aber, weil sie dort für immer Wurzeln schlagen möchten. Jeder, der einmal für längere Zeit seinen Kulturkreis, sein gewohntes Umfeld und sein zuhause verlassen hat, erlebt ein Gefühl des Heimwehs, mal stärker, mal weniger stark.

 

Die Sehnsucht nach Tradition, Lebensart und der eigenen Identität, die eng einhergeht mit der typischen Mentalität einer jeden Kultur, treibt fast jeden wieder zurück in die vertraute Umgebung.

 

Und oftmals ist Heimat nicht nur ein fester Ort, sondern ein ganz großes Gefühl, das in der Seele schwelt, solange man lebt.

 

Lässt du mich an deinem Heimatgefühl teilhaben? Was bedeutet es dir?

 


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